221--Nikolaus Utermöhlen tot
Dies sind die Meldungen, die einen kalt erwischen, wo es das Hirn rausbläst, die Sprache stockt und man betet, daß jetzt nicht das Telefon klingelt. Ich habe Utermöhlen nicht gut gekannt, vielleicht haben wir uns insgesamt nur fünf Mal gesehen, es waren nur wenige Biere, die wir irgendwo mal zusammen getrunken haben. Irgendwie hat es sich nicht ergeben, daß man öfters zusammengetroffen ist. Aber er gehörte zu den Menschen, die ich sehr schätzte, ohne viel von ihm zu wissen. Daher wird hier im folgenden einfach jener Text aus der TAZ von heute (21.5.96, S.16 ganz unten) geklaut, der die Nachricht ins Haus brachte. In Klammern stehen noch ein paar zusätzliche Sätze.
C.B.

"Wenn jemand stirbt, sind die Erinnerungen nicht mehr im Kopf, sie flattern mit den Gefühlen auf und ab, und versuchen sich an Bildern festzuhalten. (Und man holt den kleinen Schmitz-Band noch einmal aus dem Regal.) "Ein Blick aus dem Fenster, ein Blick auf die Uhr², sang Nikolaus Utermöhlen bei einer Performance der Gruppe Die Tödliche Doris Mitte der achtziger Jahre. Er war als Desperado gekleidet, ruderte mit den Armen und schlich nervös lächelnd über die Bühne. (Ein Lächeln, das einem jetzt wieder einfällt, nur wenige haben sich solch ein Lächeln bewahrt.) Mit den schmalen Koteletten und einem weichen Zug um die Lippen schien er Montgomery Clift zu ähneln. 1990 hat sich Die Tödliche Doris aufgelöst, am Freitag ist Nikolaus Utermöhlen in Berlin an den Folgen von Aids gestorben. (Ein paar Sekunden lang hatte man die Hoffnung, der Text würde eine andere Wendung nehmen.)

Am 30. Juni 1958 in Würzburg geboren, kam Utermöhlen Ende der siebziger Jahre nach Berlin und gründete kurze Zeit darauf mit Wolfgang Müller (Auch lange nicht mehr gesehen.) die Performance- und Musikgruppe, die schon ein Jahr später ihre eigene Bewegung kreiert hatte: Geniale Dilettanten, Hausbesetzer-Noise, Neo-Dadaismus (Die Schublade hätte nun nicht sein müssen.) und Weltaufstandsplan. Im Nachhinein war alles nur zum Spaß geschehen, wie ein Spiel mit den Kategorien des Kunstbetriebs. (Und dies lange, bevor andere das Betriebssystem Kunst entdeckten.) Und sehr erfolgreich: Doris wurde 1982 ins Pariser Musée d¹Art Moderne eingeladen, 1987 gastierte das um Käthe Kruse und Tabea Blumenschein angewachsene Quartett im Museum of Modern Art (New York) und auf der documenta. Manchmal fuhren sie auch nach Helgoland oder brachten eine eigene Weinmarke heraus: "Weißer Burgunder aus Schweigen".

In der Zeit nach Doris blieb Utermöhlen bei der Malerei. Er arbeitete mit Farbverfremdung auf der Grundlage von Laserkopien, als hätte jemand die Kontraste beim Fernseher auf Psychedelik gedreht. Doch es ging ihm nicht um den Rausch, sondern ums Sehen: Wegen seiner HIV-Infektion hatte er Schwierigkeiten mit den Augen. Zuletzt waren die Bilder fast blendend vor Fraben. Ein Feuerwerk für den Augenblick, und nicht für die Ewigkeit.²


Daten: Nikolaus Utermölen, 30. Juni 1958 bis 17. Mai 1996


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Info

i'm sorry that Nikolaus Utermöhlen ist tot.
edwin utermohlen <ewin@ipass.net>
raleigh, nc - Saturday, October 12, 1996 at 05:17:44 (MET)
Kommentar: Tod der Schublade

Was ist hier los????????
Christa Loope <Loope@gmx.de>
Unterholheim, Deutschland - Tuesday, December 26, 2000 at 00:29:14 (CET)

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